Mobbing in der Schule: Was wirklich dahinter steckt – und warum Eltern und Lehrer handeln müssen

Warum mich dieses Thema als Lehrerin, Mutter und Praktikerin seit Jahren beschäftigt

Kaum ein inzwischen „globalerer Zustand“ erfasst mein eigenes Interesse als Lehrerin, Mutter und sicherlich auch als jemand, der sehr klar für das Wohl von Kindern einsteht und arbeitet, so sehr wie das weiterhin brandaktuelle Thema Mobbing in Schulen.

Der folgende Artikel richtet sich primär an Eltern, aber ebenso an Lehrer – mit dem gezielten Appell, wachsam zu sein für das, was in der nahen Lebenswelt von Kindern tagtäglich geschieht.

Zugleich trägt er die ebenso wichtige Botschaft in sich, bewusst und zeitnah zu agieren, wenn es die Situation eines Kindes erfordert. Auch dann, wenn es sich nicht um das eigene Kind handelt, aber durch Erzählungen am Abendbrottisch oder auf anderem Wege das Wissen greifbar wird: „In der Klasse meines Kindes passiert etwas.“ 

Dann sollte es eine zivilcouragierte und notwendige Entscheidung von Eltern sein, nicht einfach nichts zu tun.

Liebe Eltern,

Mobbing kann jedes Kind treffen.

Die traumatischen Auswirkungen eines Mobbing-Verlaufes – schlimmstenfalls bis hin zum Suizid des betroffenen Kindes – können weitaus fataler sein, als sich manch Leser an dieser Stelle überhaupt vorstellen mag.

Dieser Artikel beschäftigt sich damit, was hinter dem alltäglichen Psychoterror in unzähligen Schulen steckt und wie Eltern, aber natürlich auch Lehrer – denn sie sind im Geschehen vor Ort – erfolgreich gegensteuern können.

Er ist zugleich ein Appell an Eltern und Lehrer, zu handeln, wenn Handlung unumgänglich ist.

Auch das Wissen „Mein eigenes Kind mobbt!“, ohne dann erzieherisch, konsequent und klar in dieses Tatgeschehen einzugreifen, ist meines Erachtens eine unentschuldbare Form der Mittäterschaft dieser Eltern.

Ein in der Schule erlebtes Martyrium kann sich bis ins Erwachsenenalter hinein massiv negativ auswirken, wie zahlreiche Untersuchungen deutlich bestätigen.

Bindungsunfähigkeit, ein geringes Selbstwertgefühl, Ängste, Phobien und Zwänge seien hier nur beispielhaft genannt. Bereits sehr junge Kinder – auch Grundschulkinder – erlebe ich beruflich selbst innerhalb ihrer teil- oder vollstationären Therapie in der kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung.

In vielen Fällen ist „Zustand nach Mobbing“ ein zweifelsfreier, schwerwiegender Bestandteil der Anamnese. Das ist keine theoretische Größe. Das ist Praxis.

Und genau deshalb gehört dieses Thema nicht an den Rand, sondern in die Mitte unserer gesellschaftlichen Aufmerksamkeit.

Was Mobbing überhaupt ist – und was eben nicht

Das Wort „Mobbing“ (engl. mob = Pöbel) wird im Alltag inzwischen derart inflationär verwendet, dass kaum noch jemand präzise weiß, was es wirklich bedeutet.

Ist es schon Mobbing, wenn Clara schlecht über Marlene spricht, weil die beiden zerstritten sind? Ist es Mobbing, wenn ein Junge einer übergewichtigen Mitschülerin – nennen wir sie Sarah – die Hose herunterzieht?

„Ach, bleibt mal auf dem Teppich!“, werden einige nun vielleicht sagen. „Das sind doch die üblichen Zankereien, Eifersüchteleien oder unglücklichen Verstrickungen von Kindern. Das hat es immer schon gegeben und wir sind schließlich auch groß geworden, ohne gleich Schaden dadurch zu nehmen!“

Und hier bitte ich sehr bewusst um Gehör.

Wenn es ausschließlich Sarah ist, der immer wieder unter allgemeiner Belustigung aller Beteiligten die Hose heruntergezogen wird, weil sie sich nicht wehren kann, dann ist das Mobbing.

Und wenn Marlene wegen dauerhafter und gezielter Halbwahrheiten, Gerüchten und Geschichten bei ihren Mitschülern „unten durch“ ist und vor Kummer, Sorgen und Stress darüber nicht mehr lernen kann, dann ist auch das Mobbing.

Die gängige Mobbing-Literatur spricht in diesem Zusammenhang auch von Bullying (engl. to bully = einschüchtern), wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum hinweg erniedrigt, ausgegrenzt und drangsaliert wird und den feindseligen Attacken eines – in der Regel gleichaltrigen – Tyrannen, des sogenannten Bully, ohnmächtig ausgesetzt ist.

Ohnmacht meint hier wörtlich: ohne Macht zu sein, nichts machen zu können.

Die wenigsten Kinder und Jugendlichen werden durch ein solches Erleben aktiv-aggressiv oder mutieren gar, wie manche populären Verzerrungen suggerieren, zum Amokläufer.

Die meisten Kinder fressen ihr Leid still in sich hinein – bis irgendwann der absolute Zusammenbruch da ist.

Gerade deshalb ist es so wichtig, im öffentlichen Diskurs zwischen einem einmaligen Konflikt, einem Streit, einer beiderseitigen Eskalation und einem systematischen, wiederholten, asymmetrischen Angriffsprozess zu unterscheiden.

Mobbing ist kein normaler Streit unter Kindern! Es ist ein Prozess fortgesetzter Herabsetzung in einem sozialen Gefüge, in dem das betroffene Kind immer weniger Möglichkeiten hat, sich wirksam zu schützen.

Mobbing hat System – und genau darin liegt seine zerstörerische Kraft

Mobbing hat in aller Regel – bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen – System.

Es beginnt oft scheinbar harmlos und endet nicht selten damit, dass eine ganze Klasse, manchmal sogar eine ganze Jahrgangsstufe, einem einzelnen Schüler das Leben zur Hölle macht.

Häufig verläuft es so, dass ein Kind einmalig auf eine „blöde Bemerkung“ reagiert: mit sichtlichem Ärger, mit Weinen, Weglaufen, Schreien oder großer Wut. Genau das ist dann oft der Moment, in dem andere sich überlegen fühlen.

Wenn an dieser Stelle niemand eingreift, können sich manche Kinder ermutigt fühlen, dieses Überlegenheitsgefühl erneut erzeugen zu wollen.

Anfangs sind die sogenannten Mobber mit einem solchen Verhalten oft nicht einmal sonderlich beliebt. Im frühen Stadium werden sie aus den eigenen Reihen durchaus noch sanktioniert oder mit dem Hinweis konfrontiert, das Ganze sei gemein.

Aber auf Dauer gewinnen sie häufig dennoch Macht. Immer mehr Kinder versuchen, einen ähnlich „vielversprechenden“ Status zu erlangen.

Und plötzlich machen sie alle mit – beim täglichen Quälen des auserkorenen Opfers.

Genau an dieser Stelle liegt der entscheidende fachliche Punkt:

Mobbing ist eben nicht bloß das Fehlverhalten einzelner Kinder. Es ist ein Gruppengeschehen. Es lebt von Rollenverteilungen, von Mitläufern, von stiller Billigung, von unterlassener Intervention und von der schleichenden Verschiebung dessen, was in einer Klasse als „noch normal“ gilt.

Deshalb kann Mobbing niemals allein auf der Ebene individueller Schuld oder persönlicher Eigenarten des Opfers verstanden werden. Es ist ein dynamischer sozialer Prozess, der eine Bühne, Zuschauer, Verstärker und eine ausbleibende Grenze braucht.

Mythos 1: „An unserer Schule wird ganz sicher nicht gemobbt“

Falsch.

Mobbing gehört zum heutigen Schüleralltag. Die Zahl der betroffenen Kinder pro Woche wurde bereits vor Jahren mit rund 500.000 Kindern angegeben. Je nach Untersuchung gelten etwa 10 bis 15 Prozent der Schulkinder als von Mobbing betroffen.

Besonders häufig trifft es Kinder zwischen sieben und fünfzehn Jahren, am häufigsten zu Beginn der Grundschulzeit.

Sie leiden unter täglichen verbalen oder körperlichen Attacken ihrer Mitschüler. Es wird geschubst, gekniffen, gespuckt, gedroht, angebrüllt, geprügelt. Stifte und Hefte werden versteckt, Kleidung zerrissen, bemalt, verschmutzt, Ranzen ausgeleert. Es wird gehänselt, beleidigt, gelästert, bloßgestellt und ausgelacht.

Als einzelne Aktion mögen manche Eltern und leider auch manche Lehrer all dies „nicht so schlimm“ oder „noch im normalen kindlichen Rahmen“ finden. Zusammengenommen erlebt ein Kind dadurch jedoch gezielten, massiven Psychoterror.

Moderne Technik verstärkt dieses Geschehen zusätzlich. Gemeinheiten werden per Messenger versendet, soziale Netzwerke dienen als Plattformen für Hetzkampagnen, Ausschlüsse und gruppendynamische Demütigungen.

Die Botschaft ist immer dieselbe: Du bist unser Opfer.

Bullying findet heute überall statt – in der Grundschule in Berlin-Kreuzberg ebenso wie im Elite-Internat in München.

Mit zunehmender Reife der Kinder nimmt offenes Mobbing zwar ab, doch wo es bestehen bleibt, wird es meist raffinierter und subtiler. Gerade jugendliche Gymnasiasten agieren oft nicht mehr offen direkt. Vor allem Mädchen gelten nicht selten als Meisterinnen jener scheinbar unsichtbaren, aber hochwirksamen und massiv verletzenden Angriffe über Ausschluss, soziale Kälte, Gerüchte, Blickregime und Beziehungsmanipulation.

Warum Eltern so oft ahnungslos sind

Laut der inzwischen umfangreichen Fachliteratur erzählt nur etwa die Hälfte aller betroffenen Kinder zu Hause von ihrem Schul-Elend.

Auf die Frage, warum sie nichts erzählt hätten, antworten Kinder nicht selten: „Die haben doch selbst genug Probleme.“

Manche wollen ihren Eltern den Kummer ersparen. Andere haben Angst, dass durch das Erzählen eine Lawine losgetreten wird und in der Schule alles nur noch schlimmer wird. Als „Petze“ zu gelten, kommt für unzählige Kinder trotz größter innerer Not nicht in Frage.

Die Aussage: „Na und? Dann weiß es mein Lehrer, wenn meine Mutter da aufläuft und eine Welle macht. Und dann? Der checkt doch sowieso nicht, was da wirklich los ist!“ finde ich hinsichtlich der Rollenwahrnehmung von Kindern gegenüber Lehrern besonders ernüchternd.

Lehrer, die es nicht glauben oder nicht wahrhaben wollen, gehören neben dem Schweigen der Kinder zu den größten Hürden im Kampf gegen Mobbing an Schulen.

Eltern müssen deshalb sehr viel stärker lernen, indirekte Signale ernst zu nehmen. Rückzug, Bauchschmerzen, Schlafstörungen, plötzliche Schulverweigerung, häufig verlorene oder beschädigte Gegenstände, gereizte Stimmungen, Leistungsabfall oder diffuse Angst vor bestimmten Tagen und Fächern sind keineswegs bloße Launen.

Sie können Hinweise auf ein länger laufendes Belastungsgeschehen sein.

Kinder formulieren ihre Not nicht immer klar. Oft zeigt sich ihr Leiden zunächst im Verhalten, im Körper oder im Schweigen.

Wie Eltern helfen können – ohne das Kind zusätzlich unter Druck zu setzen

Vermeintlich gute Ratschläge sollten dringend vermieden werden.

Sätze wie „Wehr dich doch mal!“, „Geh denen einfach aus dem Weg!“ oder „Du darfst auf keinen Fall heulen, wenn sie dich das nächste Mal ärgern!“ sind in aller Regel wenig hilfreich. 

Eltern können vielmehr davon ausgehen, dass das Kind bereits einiges selbst versucht hat, um seine schwierige Situation zu verbessern. Schuldzuweisungen – etwa in der Form „Und warum machen die das dauernd nur mit dir?“ – sind immer kontraproduktiv und werden fast zwangsläufig dazu führen, dass das Kind künftig noch weniger erzählt.

Hilfreich ist stattdessen: aufmerksam bleiben, gelassen bleiben, zuhören.

Haben Kinder das Gefühl, ihre Eltern verfallen jetzt in hektische Panik, bekommen sie selbst nur noch mehr Angst.

Besser ist es, gemeinsam mit dem Kind die Fakten zu sammeln. Ein Mobbing-Tagebuch kann hilfreich sein; das gilt im Übrigen auch für erwachsene Betroffene in anderen Kontexten.

Häufig muss ein Kind zunächst überhaupt zu der Einsicht gelangen, dass Hilfe von außen notwendig und legitim ist.

Hilfe bei der Schule einzufordern, ist dann der nächste Schritt.

Die Problematik des Kindes zunächst mit den Eltern des Mobbers zu diskutieren, ist nachweislich meist keine gute Idee.

Ein Problem, das in der Schule stattfindet, gehört zunächst auch dort thematisiert.

Ansprechpartner können Klassenleitung, Vertrauenslehrer, Schulleitung, Schulpsychologe oder Sozialarbeiter sein – sofern vorhanden.

Wichtig ist ein gefasster, strukturierter und klarer Auftritt. Niemandem nützt es, wenn Eltern im Gespräch brüllen oder nur noch weinen. Ebenso wenig hilfreich sind unverbindliche Gespräche, die „irgendwie enden“, ohne konkrete Vereinbarungen. Maßnahmen, Zuständigkeiten und Ziele sollten, wenn nötig, schriftlich festgehalten werden.

Die Schule sollte im Übrigen wissen, dass Eltern – bei ausbleibender Kooperation oder offenkundiger Verharmlosung – notfalls weitere Schritte erwägen.

Dies ist keine Drohung, sondern sachliche Klarheit. Wenn Eltern selbst nicht weiterkommen, gehört auch das Benennen einer möglichen Dienstaufsichtsbeschwerde, weiterer behördlicher Schritte oder juristischer Beratung in einen verantwortungsvollen Handlungsrahmen.

Eltern sind verpflichtet, die Rechte ihres Kindes zu vertreten. Genau das bedeutet Elternschaft auch.

Parallel dazu muss das Kind gestützt und aufgebaut werden.

Wird ein Kind in der Schule gemobbt, ist es umso wichtiger, dass es an anderen Orten Wertschätzung, Anerkennung und alternative Erfolgserlebnisse erfährt – in der Familie, im Sport, in Freizeitaktivitäten, in anderen sozialen Räumen, in denen es nicht auf die Rolle des Opfers festgelegt wird.

Ein Schul- oder Klassenwechsel kann in bestimmten Fällen die letzte und gleichzeitig kluge Konsequenz sein.

Aber auch hier gilt: Er ist keine Garantie. Opferrollen können weitergetragen werden, digitale Dynamiken machen vor Schulgrenzen keinen Halt, gleichaltrige Schüler kennen sich oft schulübergreifend. Deshalb sollten, sofern möglich, zunächst alle anderen Interventionen ernsthaft ausgeschöpft werden.

Mythos 2: „Die Opfer sind ja oft selbst schuld“

Falsch.

Alles hängt immer und zu jeder Zeit von der Situation in der Gruppe ab. Es kann jeden treffen.

Das Bild des „typischen Mobbing-Opfers“ sollte längst als überholte Mär entlarvt sein, ist es aber bis heute nicht.

Noch immer denken Menschen – auch im späteren Berufsleben längst erwachsener Betroffener –, Mobbing-Opfer hätten ein Stück weit selbst „Hier!“ gerufen, und es gäbe bestimmte Kriterien, die klassisch dafür verantwortlich seien, überhaupt Opfer werden zu können.

Die Annahme, äußere Merkmale wie Gewicht, Hautfarbe oder Kleidung beziehungsweise bestimmte Eigenschaften wie Stillsein, Schüchternheit, Strebsamkeit oder Passivität würden Mobbing quasi herausfordern, ist falsch.

Untersuchungen zeigen vielmehr, dass die von Tätern angeführten „Gründe“ überwiegend der nachträglichen Rechtfertigung ihres eigenen Verhaltens dienen.

Schülerbefragungen zeigen, dass neun von zehn Kindern beim Tathergang Mobbing eine definierte Rolle einnehmen.

Neben den Hauptrollen – Opfer und Bully – gibt es Nebenrollen: den Assistenten des Täters, den oft einzigen Verteidiger des Opfers, Beifallklatscher, Mitläufer, Außenstehende.

Genau deshalb ist es so wichtig, Mobbing nicht als isolierte Beziehung zwischen zwei Kindern zu deuten. Es handelt sich um ein soziales Rollensystem, das durch die Gruppe getragen und stabilisiert wird.

Wer das nicht sieht, kann Mobbing nicht wirksam bekämpfen.

Die Rolle von Eltern und Lehrern – und warum Wegsehen keine Option ist

Bereits sehr viel ist gewonnen, wenn sich Kinder, die sich bisher herausgehalten haben, auf die Seite des Opfers stellen. Mitgefühl mit Opfern zu entwickeln und zu erleben, dass man gegen Bullying etwas tun kann, gehört inzwischen zu Recht zum Rahmen vieler Lehrpläne.

Ebenso gibt es weiterhin Familien, die den schulischen Erlebnissen ihrer Kinder beim gemeinsamen Abendessen Raum, Gehör und Wichtigkeit geben.

Doch wenn es an aufmerksamen, mutigen und mitfühlenden Mitschülern fehlt – und davon muss man leider zunächst oft ausgehen –, dann ist das entschiedene Einschreiten der Lehrer notwendig. Häufig sind es wiederum die Eltern, die der Schule den entscheidenden Anstoß zum Handeln geben müssen.

Obwohl Eltern dabei auf einem schmalen Grat balancieren – denn selbstverständlich rennt man nicht wegen jedes Konflikts sofort in die Schule –, müssen sie bei einem akuten Mobbing-Verdacht aktiv werden.

Sie müssen es, weil Mütter und Väter verpflichtet sind, die Rechte ihres Kindes zu vertreten.

Und hier kommt der entscheidende Punkt:

Sollten Lehrer nicht willens oder nicht in der Lage sein, etwas Konkretes zu unternehmen, sollte das Problem abgewiegelt oder die Schule mehr oder minder mauern, dann ist es erforderlich, die übergeordnete Behörde zu informieren.

Auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde kann in Erwägung gezogen werden, um notfalls mit juristischem Beistand dem Schutz des Kindes Nachdruck zu verleihen. Selbst die Option einer Anzeige bei der Polizei sollte in anders nicht lösbaren Fällen nicht vollständig aus dem elterlichen Fokus verschwinden.

Juristisch bewertet gilt Mobbing zwar nicht als eigener Tatbestand, sehr wohl jedoch als Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Diebstahl.

Selbst wenn Ermittlungen später eingestellt werden, hinterlässt eine Vernehmung durch die Polizei bei Täter-Kindern häufig einen nachhaltigen Eindruck.

Manfred Kapusta vom Holdorfer Institut für Gewaltprävention und Konflikttraining empfiehlt Schulen, im Bedarfsfall nicht die Eltern des Opfers, sondern die Schulleitung selbst Anzeige erstatten zu lassen.

Warum Schulen Mobbing niemals bagatellisieren dürfen

Die Institution Schule darf Mobbing niemals ignorieren oder dulden.

Lehrer sollten immer couragiert handeln.

Tun sie dies nicht, verlieren sie nicht nur Respekt, sondern laufen sogar Gefahr, selbst irgendwann Teil jener Dynamik zu werden, mit der eine Klasse „den Molli macht“.

Lehrer haben Vorbildfunktion. Deshalb sollten sie stets sehr genau darüber nachdenken, was selbst scheinbar beiläufige Bemerkungen vor einer Gesamtklasse anrichten können.

Ein Satz wie „Mensch, bist du zu dämlich, oder wieso geht das nicht in deinen Kopf rein?“ oder „Mein Gott, beweg dich mal! Über dieses Hindernis kommt selbst ein Walross geschickter drüber!“ kann einen Schüler, ohne dass der Lehrer sich die Tragweite bewusst macht, in der Gruppendynamik regelrecht zum Abschuss freigeben.

Hier muss meine Position sehr klar sein:

Pädagogik endet nicht beim Stofftransport. Ein Lehrer, der Lerninhalte vermittelt, aber den sozialen Raum nicht schützt, erfüllt einen wesentlichen Teil seines Auftrags nicht.

Schule ist nicht nur Unterrichtsort, sondern ein sozialer Lebensraum. Wer dort Demütigung, Beschämung oder fortgesetzte Herabsetzung nicht erkennt oder nicht konsequent begrenzt, versagt nicht bloß organisatorisch, sondern pädagogisch.

Mythos 3: „Gegen Mobbing sind wir Lehrer machtlos“

Falsch.

Lehrer können das Opfer schützen und den Täter sehr klar in seine Schranken weisen.

Lehrer müssen das Opfer in erster Linie schützen.

Das hat unmittelbar, entschieden und nachhaltig zu geschehen.

Wenn sich der Bully nach einem ersten klärenden Gespräch nicht kooperationsbereit zeigt, wenn keine Verhaltensänderung erkennbar ist, wenn er sich nicht aufrichtig entschuldigt, sich nicht an Abmachungen hält, nahezu unbeeindruckt oder subtil weitermacht, dann müssen erste Sanktionen folgen.

Die Institution Schule verfügt rechtlich über eine Bandbreite interner Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen bis hin zum Schulausschluss. Der Spielraum ist deutlich größer, als er in der alltäglichen Praxis oft genutzt wird.

Nicht das Opfer muss hier an sich arbeiten und auch nicht „vielleicht mal eine Therapie machen“, wie manche Pädagogen Eltern betroffener Kinder in akuten Mobbing-Situationen immer noch empfehlen. 

Ändern muss sich in erster Linie der Täter. 

Würde das Opfer plötzlich anfangen, sich massiv zu wehren, verschärft sich die Situation in der Schule nicht selten sogar drastisch. Der Bully fühlt sich herausgefordert, die Dynamik eskaliert, und Maßnahmen, die nicht primär beim Täter ansetzen, führen häufig nur dazu, dass sich dieser ein neues Opfer sucht.

Konkrete Strategien für Lehrer

Lehrer müssen das Opfer zunächst zeitnah aus der unmittelbaren Schusslinie holen. Gegebenenfalls sollte der Mobber den Unterricht vorübergehend in einer anderen Klasse fortsetzen.

Das Signal an den Täter muss eindeutig sein: Wir dulden dein Verhalten nicht. Änderst du es nicht, wird das unangenehme Konsequenzen für dich haben. 

Eine aufrichtige Entschuldigung sollte selbstverständlich sein, ebenso kann eine Form der Wiedergutmachung erwogen werden.

Viele Experten raten von einem gemeinsamen Gespräch zwischen Opfer und Bully dringend ab, andere betonen nach getrennten Befragungen die Bedeutung einer professionell begleiteten Begegnung mit dem Ziel eines wechselseitigen Respekts.

An dieser Stelle kann die Hinzuziehung eines Mobbing-Experten oder Mediators für die beteiligten Pädagogen sinnvoll sein.

Prävention bleibt ebenfalls unverzichtbar. Auch Langeweile ist ein Mitgrund, warum vor allem jüngere Schüler andere ärgern. Ein attraktiver, erlebnisreicher Pausenhof, eine wirksame Pausenaufsicht durch mehrere Lehrer, genaue Beobachtungen und verlässliche Rückmeldestrukturen an Klassenleitungen sind ebenso wichtig wie klar formulierte Regeln.

Schulen sollten verbindliche Maßstäbe für einen fairen und gewaltfreien Umgang miteinander aufstellen und deren Einhaltung auch tatsächlich durchsetzen.

Programme zur Förderung von Zivilcourage, Kooperation, Konfliktfähigkeit und sozialem Lernen sollten nicht als „nette Ergänzung“, sondern als fester Bestandteil schulischer Kultur verstanden werden.

Fort- und Weiterbildungen im Bereich Gewaltprävention, Konfliktlösung und Förderung sozialer Kompetenz gehören aus meiner Sicht heute zur berufsethischen Pflicht eines Pädagogen.

Das ist meine klare persönliche Haltung als Lehrerin.

In einer Zeit, in der Lehrer selbst enorm Burnout-gefährdet sind, schließt das die Notwendigkeit von Supervision, kollegialer Reflexion und methodischer Kompetenzerweiterung nicht aus, sondern gerade ein.

Schule kann nur dann sicherer Ort sein, wenn auch die Erwachsenen in ihr fachlich getragen, reflektiert und handlungsfähig bleiben.

Gib Mobbing keine Chance – und verstehe, worum es hier wirklich geht

Der beste Schutz gegen Mobbing besteht weiterhin darin, dass Schule eben nicht nur Wissen vermittelt, sondern ebenso soziale Kompetenz fördert.

Und idealerweise beteiligt sich an dieser Lebensaufgabe selbstverständlich auch das Elternhaus.

Die Verantwortung dafür, wie ein Kind soziale Kompetenz erwirbt, liegt in hohem Maße auch in der Familie und kann nicht allein an Pädagogen delegiert werden.

Wer in unserer heutigen Welt bestehen und dabei psychisch gesund bleiben möchte, braucht neben einem IQ vor allem auch einen hohen EQ – emotionale Intelligenz.

Schule muss den Ehrgeiz haben, ein Ort zu sein, an dem Kinder sich gut fühlen.

Erst dann kann Lernen Freude machen.

Und Lehren übrigens auch.

Mein Ansatz in der Praxis

Die Arbeit mit zum Teil noch sehr jungen Kindern und Jugendlichen ist auch ein Schwerpunkt meiner Praxis. Neben Kindern und Jugendlichen, die Mobbing bereits erfahren haben und akut oder im Anschluss symptomatisch unter den Auswirkungen leiden, arbeite ich zu vielen Themen des Kindes- und Jugendalters.

Dazu gehören unter anderem Schul- und Prüfungsangst, Angst- und Panikattacken, Trennungsbegleitung, allgemeine und spezielle Gesundheitsprävention sowie die Begleitung chronisch kranker Kinder.

Wer diesen Artikel liest, soll meine Position dazu sehr klar verstehen:

Mobbing ist kein Kavaliersdelikt, kein harmloses „Kinderding“ und auch kein Thema, das man mit Appellen zur bloßen Gelassenheit erledigen könnte.

Es ist ein ernstes, oft systemisch getragenes Gewaltgeschehen mit teilweise tiefgreifenden psychischen Folgen.

Und genau deshalb braucht es Erwachsene, die hinschauen, die verstehen, die führen und die handeln.

Nimm für ein erstes unverbindliches Informationsgespräch sehr gerne Kontakt zu mir auf.

Herzliche Grüße,
Sandra Reinheimer

 

 

 

3 Antworten auf „Mobbing in der Schule: Was wirklich dahinter steckt – und warum Eltern und Lehrer handeln müssen“


  1. Mobbing ist leider heutzutage ein fast alltägliches Thema in Kindergärten und Schulen, auch wenn Rangeleien unter Kindern durchaus normal sind, zieht Mobbing und ständige Erniedrigung durch andere langfristig häufig massive Probleme nach sich. Kinder die ständig gemobbt werden, entwickeln meist kein gesundes Selbstbewusstsein und versuchen sich dann später durch andere, oft negative Dinge zu definieren. Auch psychische Folgeerkrankungen sind keine Seltenheit, weshalb es wichtig ist das Thema Mobbing von klein auf zu besprechen und dem Kind zu zeigen, das Mobbing keine Lösung ist. Wichtig ist vor allem auch, dass gerade die Kinder, die gemobbt werden häufig eigene Probleme und Ängste zu überspielen versuchen. Hier müssen andere Möglichkeiten geschafft werden, dem Kind dabei zu helfen mit seinen Gefühlen umzugehen.

    Ich habe zum Thema Mobbing ein Kinderbuch geschrieben und hoffe damit zumindest einen Beitrag zur Aufklärung leisten zu können und ein paar Kindern das Leben zu erleichtern


  2. Liebe dorinalutz! Vielen Dank für deine Zeilen! Kannst du hier bitte mal den Titel des Buches einstellen und ggf. den Bezug über? Lieben Dank an dich! Ein sehr wertvoller Kommentar innerhalb dieser Thematik!


  3. Der Titel des Buches lautet „Auch Pascal hat manchmal Angst“, es handelt sich um ein Kinderbuch zum Thema Mobbing, Hänseln und Ausgrenzung. In dem Buch geht es um ein Mädchen namens Ines, das sich vor vielen Dingen fürchtet. Ines wird dafür oft sehr geärgert und gemobbt, vor allem von Pascal, dem Anführer der Klasse. Eines Tages, als die Klasse einen Ausflug auf den Bauernhof macht, kommt Pascal dann selbst in eine missliche Lage und wird mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert…

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