Stiefmutterprobleme sind ein Tabu – denn es darf diese Schwierigkeiten nicht geben 

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Aus dem grossartigen Buch von Susanne Petermann: „Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge“ (Diana Verlag) – von Herz ans Herz gelegt, für die Leserinnen meines Blogs und all die anderen Frauen, die vielleicht auch irgendwann damit anfangen, die „Schuld“ bei sich zu suchen. 

Ein Mut- und vor allem Kraft spendendes Werk, mit vielen wesentlichen Hintergründen, die Frauen zunächst überhaupt nicht klar sind, wenn sie aus dem gesellschaftlich gemalten Bild der farbenfrohen Neu-Familie herausfallen, und auf dem Boden der oftmals gnadenlosen Realität aufschlagen. Die „Patchwork-Lüge“ – nicht umsonst hat dieser Begriff inzwischen verbreiteten Einzug in der  familiensystemischen Fachliteratur gefunden, die Illusion ablösend, „dass doch schließlich jede Frau weiß, auf was sie sich da einlässt, wenn der neue Partner bereits Kinder hat“. 

Mythos Stiefmutter – diese seltsame, schwierige, vor allem aber restlos undefinierte Rolle, welche das Ergebnis einer US-Studie nicht verwunderlich erscheinen lässt. Denn Fakt ist: wenn es gut klappt mit der Stieffamilie, dann hält man das eher den Kindern zugute. Wenn es aber nicht gut läuft, dann liegt es wohl an der Stiefmutter.

Der folgende Auszug aus: Susanne Petermann: „Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge“ (Diana Verlag)

„Was mich aber am meisten erstaunte: Trotz der Horrorszenarien war keine Frau bereit, offen, ohne Visier und den Schutz der von mir zugesagten Anonymität zu sprechen. Zu groß war die Angst vor der Verurteilung durch den Partner oder die Umgebung. Stiefmutterprobleme sind ein Tabu, es darf diese Schwierigkeiten nicht geben. Wer sie hat, macht offenbar etwas falsch und ist daher selbst schuld. Und das Paradoxe ist: Die Stiefmutter übernimmt diese Denkweise. Lieber verstummt sie, als dass jemand von ihrem „schlimmen Geheimnis“ erfährt. 

Auf den Tag, an dem ich zur bösen Stiefmutter erklärt wurde, war ich nicht im Mindesten vorbereitet. Es gab keine warnenden Vorzeichen. Vormittags hatte ich noch den Baum geschmückt, gemeinsam mit meinem Mann die Geschenke eingepackt und zwei Kuchen gebacken. Die klassischen Heiligabend-Aktivitäten einer Next, einer zweiten Frau eines Mannes mit Kindern. Hätte mir jemand gesagt, dass sich die weihnachtliche Idylle wenig später explosionsartig auflösen würde –ich hätte ihn ausgelacht. Kurz bevor es zum Eklat kam, saßen wir alle friedlich am Tisch, tranken Kaffee und aßen selbst gemachte Waffeln, während George Michael „Last Christmas“ im Radio sang. Nur wenige Minuten später brach dann ein Tumult aus, der mein Leben radikal ändern sollte. Der Anlass war nichtig, die Folgen gravierend. Es ging um einen Praktikumsplatz, den die Tochter meines Mannes nicht antreten wollte. Die beiden führten einen heftigen Wortwechsel, und als ich mich irgendwann einmischte, um zu beruhigen, was sicher nicht klug, aber menschlich war, fiel der berühmte Satz: „Du hast mir gar nichts zu sagen!“. Seit diesem Weihnachtsfest haben mein Mann und ich seine Tochter nicht mehr gesehen, wir kennen weder ihre jetzige Adresse noch ihre neue Telefonnummer. 

Mein Mann drohte unter dem Kontaktabbruch zu zerbrechen. Seine nach der Scheidung immer präsenten unterschwelligen Ängste, die Kinder zu verlieren, schienen sich plötzlich zu bewahrheiten. Nie hatte ich diese Angst zuvor verstanden, er hatte doch immer alles für sie getan. Hatte ich etwas falsch gemacht? Wenn ja, was? Ich stellte mir diese Frage immer und immer wieder, zermürbte mich mit Selbstvorwürfen. Parallel begannen begannen die ersten Auseinandersetzungen mit meinem Mann. Diskussionen über Erziehungsfehler, Schuldzuweisungen und eisiges Schweigen bestimmten plötzlich unsere Beziehung. Von Freundinnen, allesamt ohne Stiefkinder, hörte ich so schlaue Sätze wie: „Aber du wusstest doch, dass er Kinder hat. Das hätte dir doch vorher klar sein müssen.“ Als ob ich eine Kristallkugel daheim hätte, die sämtliche Tücken und Fallen vorhersagt. Ich war völlig verzweifelt, spielte sogar mit Trennungsgedanken. Heute, zwei Jahre später, bin ich tiefenentspannt. Ich streite mit meinem Mann maximal um die Fernbedienung, wir sagen uns jeden Tag, dass wir uns lieben, und wir sind wieder glücklich. Ich freue mich sogar auf Weihnachten, auch wenn nur noch zwei seiner drei Kinder zu uns kommen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Wie haben wir es geschafft, die durchaus ernsten Probleme mit seinen Kindern von unserer Partnerschaft zu trennen? 

Einige Wochen nach diesem verhängnisvollen Heiligabend hatte ich angefangen, in Sachen Patchwork zu recherchieren. Schließlich bin ich Journalistin. Beobachten, Fragen stellen und analysieren gehört zu meinem Beruf. „Wie gehen andere Stiefmütter mit solchen Situationen um, wo finden sie Hilfe und Lösungen?“, fragte ich mich. Das Ergebnis meiner Recherchen war erstaunlich und beeinflusste mich enorm. War ich anfänglich noch von einer „hausgemachten Krise“ ausgegangen, hatte nach meiner persönlichen Schuld gesucht und mich gefragt, was ich als Stiefmutter hätte anders machen müssen, kam ich bald zu der Erkenntnis, dass unsere Situation gar keine individuelle war. Ich war nur eine von vielen Stiefmüttern und damit Leidtragenden einer Gesellschaft und eines Familienrechts, das erste Familien bevorzugt und damit viele Exfrauen und Kinder zu Despoten mutieren lässt. 

Einige Stiefmütter verglichen sich in den Gesprächen, die ich mit ihnen führte, mit Aschenputtel, fühlten sich als eine Art Dienstmagd, wenn es um die Kinder ihres Partners und um seine Exfrau ging. Sie litten, weil sie ihre Situation so wenig selbst beeinflussen konnten, von einer Konfliktlösung waren sie weit entfernt. Diese Hilflosigkeit, diese Ohnmacht kannte ich ebenfalls. In meinem früheren Leben als Single war ich es gewohnt, Probleme eigenständig zu lösen, Schwierigkeiten am Schopf zu packen und anzugehen. Aber das geht als Stiefmutter nicht so einfach, man ist nämlich Teil eines Familienverbands, in dem nicht nur der Mann und die Kinder, sondern auch noch die Exfrau und deren neuer Mann ihren Platz verlangen. So manche Exfrau gibt selbst Jahre nach der Trennung die Zügel nicht aus der Hand. Ich traf Stiefmütter wie Kim, deren Vorgängerin all ihre Energie in Rache steckt und keinerlei Skrupel hat, dafür die eigenen Kinder zu missbrauchen. Ich erfuhr von Jana und Birgit, wie es sich anfühlt, wenn das Recht auf der Seite der Mutter steht –auch wenn diese ihr Kind offensichtlich verwahrlosen lässt. Hiltrud und Sandra haben es mit Partnern zu tun, die sich von den Kindern und der Exfrau wie eine Marionette manipulieren lassen, Iris brachte ein Stiefmutter-Burn-out sogar in die geschlossene Anstalt. Ich hörte Geschichten von Wochenendaktionen, die regelmäßig umgeschmissen werden, weil die Exfrau unerwartet ihre Pläne ändert, und von Besuchskindern, die ungewaschen, in viel zu kleinen Schuhen und mit zerlöcherter Kleidung zum Umgangswochenende geschickt werden. Von unerzogenen, renitenten Stiefmonstern, die ihren Vater skrupellos erpressen, und butterweichen Verwöhn-Papas, die zu Geschenke-Onkeln mutieren. 

Manches kannte ich bereits aus eigener Erfahrung, anderes ließ mich entsetzt schaudern. Was mich aber am meisten erstaunte: Trotz der Horrorszenarien war keine Frau bereit, offen, ohne Visier und den Schutz der von mir zugesagten Anonymität zu sprechen. Zu groß war die Angst vor der Verurteilung durch den Partner oder die Umgebung. Stiefmutterprobleme sind ein Tabu, es darf diese Schwierigkeiten nicht geben. Wer sie hat, macht offenbar etwas falsch und ist daher selbst schuld. Und das Paradoxe ist: Die Stiefmutter übernimmt diese Denkweise. Lieber verstummt sie, als dass jemand von ihrem „schlimmen Geheimnis“ erfährt. 

Dabei waren die Frauen, mit denen ich gesprochen hatte, ansonsten durchaus selbstbewusst. Sie waren auch keine bösartigen Hexen, die ihre Stiefkinder am liebsten vergiften würden. Wenn also ganz normale, nette, sympathische, moderne Frauen allesamt vor ähnlichen Hürden standen, konnten deren Auslöser nicht individueller Natur sein. Sprich, nicht die Stiefmutter war die Ursache ihrer Probleme, sondern die Situation, in der sie sich befand. Mir hat diese Erkenntnis eine neue Dimension mit meinem Mann geöffnet. Ich habe den Mut gefunden, Klartext mit ihm zu reden. Über meine Ängste und Gefühle ihm und seinen Kindern gegenüber. Ich bin irgendwann sogar in meinem Umfeld ehrlich mit meinem Scheitern umgegangen. Ich schäme mich heute weder für den Konflikt noch empfinde ich Schuld. Ich stärke meinem Mann, der natürlich unter dem Kontaktabbruch seiner Tochter leidet, den Rücken, verantwortlich fühle ich mich aber nicht mehr. Ich bin in erster Linie die Partnerin an seiner Seite und nicht die Stiefmutter seiner Kinder. 

Die größte Hürde, die Front der Gesellschaft, wäre schnell erobert, sprächen alle Stiefmütter ehrlich über ihre Situation, ohne sich selbst oder anderen die Schuld zu geben, denn mit Schuldzuweisungen kommt man bekanntermaßen nicht weiter. Mit Offenheit und einem realistischen Selbstverständnis gelingt es viel eher, das alte Bild der „bösen Stiefmutter“ aus den Köpfen zu vertreiben. Der Schritt zu einem neuen Familienrecht, in dem die zweite Familie die gleiche Wertigkeit hat wie die erste, wäre dann nicht mehr weit. 

Mit diesem Buch möchte ich Stiefmüttern Mut machen, etwas zu ändern. Schluss mit nervenaufreibenden Grabenkämpfen, Schluss mit Machtspielchen und Terror. Keine Stiefmutter sollte mehr die zweite Geige spielen müssen. Ich möchte eine Lanze für Stiefmütter brechen. Ich erzähle aus ihrem „heimlichen“ Alltag, beleuchte die Fallen, in die sie tappen können. Neben vielen Tipps für Stresssituationen berichten auch Juristen und Psychologen von ihren Erfahrungen. Die Vizemütter werden so besser gewappnet sein für die alltäglichen Auseinandersetzungen. Ich stelle Ihnen die möglichen Fronten auf dem Stiefmutterschlachtfeld vor und gebe Ihnen Strategien an die Hand, um zumindest einen Waffenstillstand zu erzielen. Ich habe aber auch Forderungen, zum Beispiel an den Gesetzgeber, der für Änderungen im Familienrecht zu sorgen hat. Allen Familien soll ein besseres Leben ermöglicht werden, dazu muss die Ungleichbehandlung der zweiten Familie aufhören. Dabei benötige ich dann Ihre Unterstützung. Vielleicht in Form eines Briefs an Ihren Bundestagskandidaten? Ich behaupte nicht, dass der Weg leicht sein wird, aber er ist möglich. Zusammen sind Stiefmütter stark, und Sie wissen ja längst: Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge!“

Ja, vielleicht ist es so, dass es für gewisse Krisen keine Patentrezepte gibt, wie es sicher ebenso nicht hilfreich ist, die dauernde „Schuldfrage“ zu erörtern, auf die sich die Beteiligten in ihrer Not oft und gerne fokussieren. Viel eher ist es wohl ein angeleiteter Perspektivenwechsel, der im besten Fall zu Verständnis und Weitsicht führt, statt irgendwann Kurzschlussreaktionen am gefühlten „Ende der Erträglichkeitsspirale“ zu provozieren. 

sandrareinheimer.com