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Ich sehe was, was du nicht siehst

Und genau das ist sie. Unsere selektive Wahrnehmung, auf einen kurzen Nenner gebracht.

Frag dich doch mal selbst, in welchen (beobachtenden) Situationen deines Tages auch immer: „WAS siehst du gerade?“ Oder treffender: „Was GLAUBST du, zu sehen?“. 

Und genau darum geht es in deinem Alltag. „Was GLAUBST du, zu sehen?“.

Durch deine selektive Wahrnehmung siehst du lediglich AUSSCHNITTE, ziehst daraus aber – leider immer wieder verfrüht und absolut vorschnell – endgültige Schlüsse.

Dieser sinnbildliche „Kurzschluss“ kann in all unseren Vorurteilen begründet liegen. Und genau das macht dieses psychologische Phänomen so gefährlich. Aus Ausschnitten basteln wir ganze Realitäten! Gefährlich, ja, und oft auch mehr als selbstentlarvend ;-)

Die große Gefahr der selektiven Wahrnehmung liegt darin, dass wir damit immer nur unsere schon vorhandenen Urteile und Vorstellungen bestätigen und auch falsche Schlussfolgerungen nicht mehr überprüfen. Selbst neue Erfahrungen oder Erkenntnisse, die unseren Stereotypen widersprechen, versuchen wir so lange zu interpretieren (oder zu bekämpfen!), bis sie uns nicht länger stören! Ganz nach dem Motto:

Was nicht passt, wird passend gemacht

Und vielleicht fragen wir dann noch Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen um Rat – und hören und sehen schlussendlich doch nur, was wir hören und sehen WOLLEN.

Schau Dir das nachfolgende Bild mal in aller Ruhe an. Was siehst du? Überlege und vergleiche erst danach mit den nachfolgend aufgeführten Interpretationen.

Wahrnehmung

  • Eine Frau tritt zur Seite, um eine blinden Mann vorbei zu lassen.
  • Ein armer Bettler und eine Frau.
  • Zwei Menschen bei der Gartenarbeit.
  • Ein Bauern-Ehepaar, das auf dem Feld arbeitet.
  • Zwei Menschen, die einander helfen etwas zu tun.
  • Ein Mann gräbt ein Loch und eine Frau wirft Samen hinein.

Jede der obigen Antworten ist möglich und somit richtig, ganz nach Sichtweise des Betrachters. Aber warum ist das so? Warum nehmen Menschen Situationen so unterschiedlich wahr? Und warum gibt es – u.a. auch deshalb – Missverständnisse?

Weil Menschen selektiv wahrnehmen! 

Selektive Wahrnehmung ist zunächst einmal eine phantastische Eigenschaft unseres Gehirns. Denn erst dadurch können wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Jede Sekunde ist nahezu ein Viertel unseres Gehirns damit beschäftigt, zu sehen und das Gesehen zu filtern. In jedem Augenblick ist unser Gehirn der Befähiger, dass wir unsere Welt wahrnehmen können. WIE wir die Welt wahrnehmen, hängt jedoch davon ab, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet und interpretiert. 

Jeder Mensch nimmt dabei die (seine) Welt auf ganz subjektive Weise wahr. In Ausschnitten, mit Verzerrungen, Verschiebungen, Vergrößerungen, u.v.m. Und erst danach, durch unsere Interpretation, werden diese Daten aus unserer Umwelt zu Informationen.

Die Basis für die selektive Wahrnehmung ist die Fähigkeit des Menschen, Muster zu erkennen bzw. die ständige (ihm meist unbewusste) Suche nach Mustern. Mit Hilfe dieser Muster ist das Gehirn besser in der Lage, neue Informationen in die bereits vorhandenen Informationen einzugliedern, um so überhaupt erst in der Lage zu sein, die auf uns einstürmende Informationsflut zu bewältigen.

Im Grunde genommen ist diese „Aufmerksamkeitsblindheit“, wie sie gerne genannt wird, ein reiner Schutzmechanismus. Ohne ihn würden wir sicher verrückt werden, könnten wir die Informationsfülle, die Tag für Tag auf uns einprasselt, gar nicht verarbeiten. Anschaulich ist es dabei, sich das Gehirn einfach mal als Riesenbibliothek vorzustellen. Dort sind die Ereignisse unseres Lebens in der Form abgespeichert, dass einzelne Informationen/Reize, die wiederholt zusammen auftraten, auch mit Bezug zueinander abgespeichert werden. Komplexe Erlebnisse, die wir mehrfach gefühlsmäßig und gedanklich verarbeitet haben, ergeben „dicke Bücher“. Treten Erlebnisse extrem häufig auf, sind sie – um im Bild zu bleiben – fett und in Großbuchstaben gedruckt und dadurch besonders leicht lesbar.

Auch Ereignisse, die besonders intensive Gefühle hervorgerufen haben, werden vom Gehirn leichter erinnert, und sind daher ein Auswahlkriterium.

Auswahl der Wahrnehmungen

Am ehesten werden Muster wahrgenommen, deren Komplexität irgendwo in der Mitte zwischen perfekter Symmetrie und absolut strukturlosem Rauschen liegt. Das Ticken einer Uhr, als Beispiel für Symmetrie, wird, solange es uns nicht sofort verletzt oder beeinträchtigt,  genauso wenig wahrgenommen, wie das unstrukturierte Trommeln des Regens an die Fensterscheibe.

Die Auswahl der wahrgenommenen Sinneseindrücke wird von verschiedenen Filtern beeinflusst, in denen Erfahrungen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen eine große Rolle spielen.

Auf einer Metaebene kann man drei Filter unterscheiden, die unsere Wahrnehmung beeinflussen.

1) SOZIALISATION

Unsere Erziehung und unsere Erfahrungen in Familie und Schule prägen unsere Vorstellungen und Werte, unser Verhalten, unsere Denk- und Wahrnehmungsweise. Alles erscheint uns so selbstverständlich, dass es uns gar nicht mehr voll bewusst ist. Unsere gesellschaftliche Umwelt prägt demnach unsere Überzeugungen, Theorien, Ideologien, Vorurteile, Ziele, Interessen und Grundannahmen.

Als Beispiel: Wenn ein Architekt, ein Gärtner und ein Historiker durch eine Stadt spazieren und danach über das Gesehene plaudern, werden sie nicht besonders viel gemeinsamen Gesprächsstoff haben, weil jeder von ihnen auf andere Dinge geachtet hat.

Auch unsere Erwartungen spielen eine große Rolle in der selektiven Wahrnehmung, sie wirken wie Schablonen.

Als Beispiel: Wer schlechte Bewertungen eines Hotels im Internet gelesen hat, dem werden negative Kleinigkeiten mehr auffallen, als jemandem, der mit einer grundsätzlich positiven Einstellung ankommt.

Und nun stell dir einfach mal den ganz alltäglichen Wahnsinn vor: „Eine Person A erzählt dir ihre Geschichte(n) über Person B. Person B lernst du irgendwann persönlich kennen.“ – Und nun glaubst du wirklich, dass du Person B vorbehaltlos und vor allem VORURTEILSFREI gegenübertreten wirst? – Ok. Ich muss schmunzeln… :-)

2) EMPFINDUNGEN/GEFÜHLE

Unsere Gefühle sind einer der zentralen Beeinflussungsfaktoren im Wahrnehmungsprozess. So beurteilen wir Handlungen von uns sympathischen Personen viel positiver als von uns unsympathischen.

Dieser sog. „Beurteilungsfehler“ kann vor allem LehrerInnen sehr schnell zum Verhängnis werden, wenn nicht immer wieder eine notwendige (sehr kritische!) Selbstreflexion bezüglich der eigenen „Filter“ erfolgt.

Ein weiteres Beispiel stellt das Gefühl der Verliebtheit dar. Das Muster der „rosaroten Brille“ lässt uns unser Umfeld in einem idealisierten Bild erscheinen (ganz besonders die „Zielperson“). Später, wenn uns die Brille von der Nase gefallen ist (oder gerissen wurde, je nachdem….) fragen wir uns dann manchmal oder besser nicht unbedingt selten: „Wie – um Himmels Willen – konnte ich in den/ die denn bloß so verliebt sein!??“

Starke Gefühle wie Angst oder Nervosität können aber auch funktional im Sinne einer Sinnesschärfung (Wahrnehmung von Gefahren) oder abstumpfend im Sinne einer Wahrnehmungsverzerrung wirken (lähmende Angst, Unfähigkeit zu reagieren).

Dazu kommen auch individuelle Unterschiede, die sich beim Schlafbedürfnis oder Hungerempfinden zeigen können. Wer zum Beispiel mit knurrendem Magen durch eine Stadt mit prachtvollen Baudenkmälern spaziert, wird auch als kulturell Interessierter hauptsächlich nach Restaurants Ausschau halten.

Grundsätzlich werden Argumente, die den eigenen Standpunkt unterstützen, eher wahrgenommen, als jene, die ihm entgegenstehen. Hat man zum Beispiel die grundsätzliche Einstellung, dass Großstädte immer verschmutzt sind, wird einem jeder noch so kleine Papierschnipsel auf der Straße auffallen, während man für schön angelegte Grünflächen oder sauber gefegte Gehsteige keinen Blick hat.

Es ist erstaunlich, wie der Filter des Interesses auf die selektive Wahrnehmung von Fakten wirkt

(Peter Cerwenka)

3) SITUATION/KONTEXT

Drittens hängt unsere Wahrnehmung auch vom Kontext, von der Situation ab. Plaudern wir mit einem guten Bekannten, verhalten wir uns anders, als wenn wir vor hundert Personen einen Vortrag halten. Die Beschaffenheit eines Raumes (Farben, Beleuchtung, Geräusche, Gemütlichkeit, Sitzordnung, …) hat ebenso Auswirkungen wie Alter und Geschlecht, soziale Rolle, Organisationsstruktur und -kultur, Machtstrukturen, Erwartungsdruck, etc. All diese Faktoren beeinflussen unsere Wahrnehmung.

Vor- und Nachteile

Selektive Wahrnehmung orientiert sich immer an dem bewussten oder unbewussten Ziel der handelnden Person. Wir richten unsere Wahrnehmung immer auf Reize, die der Erreichung unseres Zieles dienen. Wenn wir zum Beispiel in einem Auto mit beinahe leerem Tank unterwegs sind, nehmen wir nicht mehr so sehr die Umgebung, sondern eher Hinweisschilder für Tankstellen wahr. In solchen Fällen ist die selektive Wahrnehmung eine sehr sinnvolle Einrichtung unseres Gehirns, um trotz ständiger Reizüberflutung, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden zu können.

2 Männer sitzen mit einer sehr attraktiven Frau an einem Tisch. Zufällig ist sie die Personalchefin eines großen Marketing- Unternehmens. Mann 1, glücklich verheiratet und gedanklich bereits auf der steilen Karriereleiter, wird jeglichen Inhalt wahrnehmen, der aus dem Mund der Schönheit hinsichtlich diverser Aufstiegschancen herauskommt. Mann 2, Single, immer noch auf der Suche nach seinem passenden Pendant, wird sicherlich auch Inhalte des beruflichen Sektors hören. Zudem wird er nach dem Gespräch sicher behaupten können, die Augenfarbe und die Form der Lippen der Personalchefin zu kennen… :-)

Doch je mehr man sich auf eine Sache konzentriert, desto leichter gehen der Aufmerksamkeit Dinge durch die Lappen, die ebenfalls von großer – oder sogar von noch größerer – Wichtigkeit sind. Bleiben wir beim Beispiel des Autofahrens. Wer seine Aufmerksamkeit auf die Straßenbezeichnungen richtet, weil er eine bestimmte Gasse sucht, übersieht schnell einen Fußgeher, der auf dem Zebrastreifen die Straße überquert. Tatsächlich haben auch schon Autolenker, die in einen Unfall verwickelt waren, berichtet, dass sie das andere Auto gar nicht bemerkt haben – so stark wirkt der Filter der selektiven Wahrnehmung.

Anwendung in der Praxis

Einen wirklich befriedigenden Ausweg, im Sinne von „Hier sind sie, deine 3 Tipps wie du selektive Wahrnehmung vermeidest“, gibt es leider nicht. Seine Konzentration einerseits auf die richtigen Dinge und andererseits nicht zu stark auf bestimmte Dinge zu richten, kann man trainieren. Die einzige Chance, den Psychoeffekt im Alltag abzumildern, besteht in kritischer Selbstreflexion, verbunden mit genauem Zuhören und vor allem: NACHFRAGEN.

Für die Weiterentwicklung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit und -bereitschaft sind dreierlei Dinge hilfreich bzw. erforderlich:

1) BEWUSST MACHEN

Allein schon das Wissen, dass man die Umgebung niemals objektiv, sondern immer nur subjektiv wahrnehmen kann, ist schon der erste Schritt in Richtung Wahrnehmungserweiterung. Durch genaue Beobachtung des eigenen Verhaltens kann man sich seiner individuellen Muster zur Wahrnehmungsfilterung bewusst werden.

Stell dir dafür immer wieder folgende Fragen:

  • Worauf achte ich im Moment konkret?
  • Konzentriere ich mich zu sehr auf bestimmte Sachverhalte?
  • Bemerke ich Dinge in meiner (unmittelbaren) Umgebung gut genug oder blende ich manches völlig aus?
  • Bin ich möglicherweise durch Vorurteile, schlechte Erfahrungen oder starke Gefühle beeinflusst?

2) VERSTEHEN

Nach dem Lesen dieses Artikels weisst du, wie und warum Filterungsprozesse funktionieren und welche typischen Risiken dadurch bestehen. Hast du deine individuellen Wahrnehmungsmuster identifiziert und sie dir bewusst gemacht, weisst du auch, nach welchen Regeln dein eigener Filterungsprozess aufgebaut ist.

Wenn du die Grundsätze deiner ganz bestimmten selektiven Wahrnehmung kennst, kannst du ihr bereits ein Stück entgegenwirken. Die Empfehlung der modernen Psychologie kehrt also letztendlich zur Weisheit der alten Griechen zurück: „Gnothi seauthon – Erkenne dich selbst!“

3) SICH ÖFFNEN

Damit sind wir auch schon beim dritten und letzten Prozessschritt angelangt. Es ist notwendig, deine „Ich-Bezogenheit“ mit all deinen Ängsten, Verletzlichkeiten, Vorurteilen, Erfahrungen (zumindest teilweise) abzulegen und offen für neue Aspekte und Sichtweisen zu werden. Das Gute daran? Wer das Geschehen um sich herum nicht ständig nur durch die ihm gewohnten Filter laufen lässt, nimmt die Welt plötzlich anders wahr und lernt mitunter, seine Mitmenschen und seine Umgebung in einem ganz anderen Licht zu sehen, besser zu verstehen und jede Schublade zunächst noch einmal zu überprüfen, bevor sie mit einem lauten Knall nach der Befüllung zugeworfen wird.

(Quellen: Jochen Mai, Karrierebibel; Sabine Montesquieu, domendos; Hilmar Benecke, Psychologie und Persönlichkeit)