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„Deutsche Pflege ist am Boden“ – dieser Satz, in all den vielen berufspolitischen Diskussionen vielfach beschrieben und erläutert, leise wie laut, hört sich zunächst ernüchternd an, beschreibt jedoch in knappen Worten und zielgerichtet, wo wir uns derzeit befinden. „Wir“ – Menschen, die ebenfalls zu jedem erdenklichen Zeitpunkt selbst schwer erkranken können und dann eigens „abhängiger Patient“ sind. „Wir“ – Menschen, deren Partner, Kinder oder Eltern betroffen sein können. „Wir“, all jene, die ihre Liebe und entflammte Zuständigkeit für die Belange der kleinen wie großen Patienten nie verloren haben.

In den letzten Wochen habe ich viele Stunden und Tage auf einer klassischen „Inneren“ verbracht. Diesmal nicht als Lehrerin für Gesundheits- und Pflegeberufe, die angehende Gesundheits- und (Kinder-)Krankenpflegerinnen u.a. in ihrer praktischen Ausbildung begleitet, nein. Diesmal als Angehörige. Als Tochter. Als Mensch, der sich, seit er denken kann, im Nahfeld eines geliebten Menschen befindet, der nicht mehr lange leben wird. Es würde den Rahmen sprengen, in diesem Beitrag nun detailiert darüber zu berichten, welche „Zustände“ in einer dieser großen, als „modern“ und „professionell- fortschrittlich“ beschriebenen Kliniken Deutschlands vorherrschen. Es würde zudem – hier in diesem Blog – nicht zielführend sein, all diese grotesken, schwerwiegenden, in keiner Weise vertretbaren „stationären Geschehnisse“ zu erläutern, die – ohne jegliche Polemik und klar auf der Sachebene verweilend – ebenfalls als nahezu „menschenunwürdig“ zusammenzufassen wären. All dies wird zu einem späteren Zeitpunkt geschehen, an die entsprechenden Adressaten der Verantwortlichkeit gerichtet.

Hier möchte ich lediglich kurz das Wort an die Menschen richten, deren „Berufung“ es ggf. einmal war, in den Dienst am Menschen zu treten, heute unfähig zu benennen, wann dieses Gefühl wohl konkret verloren ging. Zudem an all jene, deren „Berufung“  es (leider!) nie war, „professionell zu pflegen“, die aber, nichts desto trotz in diesem Beruf „landeten“ und heute weiterhin, Tag für Tag ihren „Job“ auf irgendeiner Station Deutschlands machen. Mehr als ein „Job“ ist das nicht, in diesen Fällen.

Dem universellen Gesetz folgend, kann man es in einem einzigen Satz zusammenfassen:

Karma hat keine Deadline!

Für mich persönlich ist es inzwischen nahezu unerträglich, Menschen in einer Berufsgruppe zu wissen, die dort DEFINITIV NICHT HINGEHÖREN. Menschen, die all ihren persönlichen Frust, ihre (Lebens-) Unzufriedenheit, ihre fachlichen Defizite und ein restlos unterkühltes Herz, immer und immer wieder ausschließlich hinter dem beliebtesten Argument „Stress“ und „Überforderung“ verstecken wollen. Ganz ehrlich? Pflegende, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht (mehr) in der Lage sind, sich gegenüber den ihnen anvertrauten Menschen menschlich (!) zu verhalten – mit den sog. „Basis- Kompetenzen des Mensch- Seins“ ausgestattet – diejenigen sollte sich sehr, sehr rasch die Frage stellen, wie es in ihrem Leben wohl weitergehen soll.

Das Resonanzprinzip ist vielen Menschen nicht klar. Mir persönlich verursacht es eine kalte Gänsehaut, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke, die Menschen erfassen werden, ohne dass sie sich in minimalsten Ansätzen bewusst sind, wie drastisch dies ausfallen kann.

Was du aussendest kommt zu dir zurück.

Und ja, besonders an dieser Stelle erfasst mich ein nahezu tiefes Mitgefühl. Leider ist die Verdrängung des Menschen liebstes Kind. Deshalb gerne noch einmal zur klar formulierten Auffrischung:

Auch DU kannst morgen Patient sein!

Angehörige von schwerkranken Menschen (die in vielen Fällen nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu vertreten) möchte ich mit diesem Beitrag ermutigen. Ich möchte sie ermutigen nicht widerstandslos und ergeben hinzunehmen, was ihnen in Kliniken passiert, nur weil sie sich ggf. fachlich nicht ausreichend in der Lage sehen, sich gegen Zustände, Verhalten und/ oder Personal konsequent zur Wehr zu setzen. Ich möchte sie ermutigen ihre Möglichkeiten voll auszuschöpfen – Möglichkeiten, die sie nachweislich haben! – wenn sich ihnen unhaltbare Missstände in der Versorgung/ im Umgang mit ihrem erkrankten Angehörigen zeigen.

Gerne dürfen Sie mich kontaktieren, wenn Sie Fragen haben oder momentan das Gefühl erleben „nicht wirklich weiter zu wissen“ in Ihrer Situation.

Alles erdenklich Gute.

Sandra Reinheimer

Sehr, sehr alt, x-fach geschrieben, gelesen, veröffentlicht, kopiert… und doch immer wieder aktuell…

Hören sie mir zu, Schwester

Ich war hungrig und konnte nicht ohne Hilfe essen. Sie stellten mein Tablett außer Reichweite auf einen Betttisch und diskutierten dann in einer Pflegebesprechung über die Erfordernisse meiner Ernährung.
Ich war durstig und hilflos. Sie aber vergaßen, dafür zu sorgen, dass mein Wasserglas frisch aufgefüllt wird. Später vermerkten sie im Bericht, dass ich zu trinken abgelehnt hätte.
Ich war einsam und fürchtete mich. Sie aber ließen mich allein, weil ich so kooperativ war und nie um etwas bat.
Ich war das, was man ein Pflegeproblem nennt. Sie diskutierten die theoretischen Grundlagen meiner Erkrankung. Und doch sehen Sie mich eigentlich gar nicht.
Man glaubt, ich liege im Sterben, und da Sie meinten ich könnte nichts mehr hören, sagten sie, Sie hofften ich würde nicht sterben, bevor Sie ihr Tagwerk vollbracht hätten, da Sie vor ihrer Verabredung am Abend noch zum Friseursalon müssten.
Sie scheinen so gut ausgebildet, so redegewandt und so überaus sauber in ihrer flecken- und faltenlosen Tracht. Und wenn ich spreche, scheinen sie hinzuhören, aber sie hören mich nicht.
Helfen sie mir, sorgen Sie sich um das was mir geschieht. Ich bin so müde, so einsam und fürchte mich so sehr. Sprechen sie zu mir, seien Sie mir nah, nehmen Sie meine Hand.

Lassen Sie das, was mir geschieht auch Ihr Anliegen sein.
Bitte Schwester hören sie mir zu.

(Ruth Johnston, R.N. New orleans, LA
übersetzt von Ilse Witte.)