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Hinsichtlich meiner heutigen Buchempfehlung, zunächst ein paar Gedankenimpulse für euch zur Thematik.

… denn ausbrennen kannst du nur, wenn du richtig entflammt warst.

Die Feststellung „Burn out“ ist inzwischen zu einer nahezu „chronisch in die Menge geworfenen Begrifflichkeit“ geworden. Unzählige Menschen, die sich in Lebensphasen befinden, die temporär eben auch mal mehr abverlangen können als es ihr Alltag mit gewohnt hohem Freizeitwert herkömmlich tut, posaunen mittlerweile die Feststellung „Ich stand kurz vor einem Burn out!“ nervenbetont-fröhlich in die Welt hinaus, als handele es sich dabei um ein Bagatellen-Defizit wie „zum Sport müsste ich eigentlich auch mal wieder gehen!“.

Leider führt dieser lapidare Wortgebrauch hinsichtlich eines Beschwerdebildes (der Burn out ist kein eigenständiges Krankheitsbild sondern viel eher ein Symptomkomplex!), dessen Ausmaß und Tragweite unsagbar schwerwiegend sind für real Betroffene, inzwischen dazu, dass die Benennung der Diagnose „Burn out“ vielen Menschen in unserer Gesellschaft nur noch ein ironisch-süffisantes Lächeln abverlangt.

Ganz nach dem Motto: „Ja, ist klar. Haben wir nicht alle ein bisschen Burn out?“. Eine Entwicklung, die meiner Ansicht nach mehr als grenzwertig ist und die Menschen nahezu stigmatisiert lächerlich erscheinen lässt, die tatsächlich (!) betroffen sind.

Der Begriff Burn-out hat in den letzten Jahren in Europa enorm an Popularität gewonnen. Die Umschreibungen des Burn-out-Zustandes scheinen auf immer mehr Menschen eine geradezu magische Anziehungskraft auszuüben. Fast jede Art von Überforderung, Niedergeschlagenheit oder deprimiert sein wird mit dem Etikett Burn-out versehen. Es lässt sich vermuten, dass sich durch diesen Begriff die Menschen in ihrem Leiden gewürdigter und verstandener fühlen, als würden sie formulieren „dass ihnen gewisse Lebensinhalte zu anstrengend sind und sie deshalb daraus aussteigen wollen“. Selten wurde bisher von Betroffenen selbst mit einem psychologischen Dilemma so offen umgegangen wie gegenwärtig mit dem Burn-out-Begriff. Dutzende Menschen sprechen offen vom Ausgebranntsein und von notwendigen Auszeiten. Burn-out scheint zu einer regelrechten Lifestyle- Lebensphase zu werden. Der Vorwurf der „Modediagnose“ ist somit nicht einfach von der Hand zu weisen, obwohl es zwischen dem Burn-out-Syndrom und klinischen Diagnosen wie der Depression durchaus Verbindungen gibt.

Schon der Begriff Burn-out suggeriert, dass man vor diesem Zustand für etwas gebrannt haben muss, sich also überaus engagiert für eine Sache eingesetzt hat. Zielstrebigkeit, der unbedingte Wille zum Erfolg sowie hohe oder überzogene Ansprüche an sich selbst können als Katalysatoren für die Entstehung eines Burn-outs wirken, müssen es aber nicht! Für etwas zu brennen ist keine unumstößliche Grundvoraussetzung für einen Burn-out. Genauso können Personen, die von Anfang an das Gefühl hatten, zum Beispiel an ihrem Arbeitsplatz nicht zu genügen, ein Burn-out-Syndrom entwickeln.

Obwohl ein Burn-out von tatsächlich Betroffenen als äußerst belastend empfunden wird, wird der Zustand innerhalb der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD) nicht als eigenständige Krankheit angesehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht im Zusammenhang mit Burn-out von „einem Problem der Lebensbewältigung“. Das bedeutet, Burn-out kann als sogenannte Rahmen- oder Zusatzdiagnose, aber nicht als Behandlungsdiagnose von Ärzten aufgeführt werden. Das hat vor allem Auswirkungen auf die Therapiemöglichkeiten. Ambulante oder stationäre Therapien werden mit einer reinen Burn-out-Diagnose nicht von den Krankenkassen übernommen.

Erst nach der Diagnose folgt die Burnout Therapie

Die Behandlung von Burn-out setzt eine Diagnose voraus. Viele können den Zustand des Ausgebranntseins und der emotionalen und körperlichen Erschöpfung nicht immer als Burn-out erkennen. Auch dadurch, dass sich das Ausgebranntsein als ein schleichender Prozess entwickelt, ist die Erkenntnis über die Erkrankung meist ein langer Weg und auch Ärzte oder Psychologen, sofern sie keine Burn-out Experten sind, können den körperlichen und emotionalen Zustand des Patienten nicht gleich dem Burn-out-Syndrom zuordnen. Um so erstaunlicher ist es in diesem Kontext, wie zügig und selbstverständlich Menschen mit genau dieser Diagnose- Benennung für sich selbst sprechen, um ihrer Mitwelt begreiflich zu machen, warum sie für die eine oder andere Aktivität zukünftig nicht mehr greifbar sein werden. „Burn- out“ – und sobald dieses magische Wort erstmalig ausgesprochen ist und wie eine gefahrenvolle Wolke im Raum schwebt, wird kein Mensch der unmittelbaren Lebenswelt auch nur in Ansätzen auf die Idee kommen, weitere „Forderungen“ zu stellen. Kann schliesslich jeder einordnen, wie moralisch-schwerwiegend und verwerflich es wäre, den Aussprecher dieser gefühlten Wahrheit nun noch zusätzlich zu belasten. Nein, natürlich möchte sich niemand gerne auf die Fahne schreiben, für ein restlos verloschenes Feuer verantwortlich zu sein, und deshalb erinnert das Aussprechen der Begrifflichkeit Burn-out inzwischen fast ein bisschen an den Abpfiff eines elementar wichtigen Fußballspiels. Ist erstmal gepfiffen kann gar nichts mehr passieren… außer den Menschen, die tatsächlich erkrankt sind. Und die infolge einer in Mode geratenen Schutzbehauptung global als Simulanten abgestempelt werden. Aber gut. Ein bisschen Schwund ist bekanntlich immer.

Die Diagnosenstellung Burn-out erfordert Fingerspitzengefühl und Erfahrung von Seiten der Therapeuten und Burn-out Experten. Inzwischen gibt es eine Reihe von Tests, die für die Diagnosestellung Burnout-Syndrom von Therapeuten verwendet werden. Da es keine einheitliche Möglichkeit gibt, die Diagnose sicher zu stellen und es in vielen Fällen besonders schwer ist, Burn-out von anderen Erkrankungen wie Depressionen zu unterscheiden, ist dafür eine individuelle Bestandsaufnahme und gründliche Analyse der Situation des Patienten erforderlich. Nur dadurch gelingt es, die richtige Therapie zu wählen und dem Burn-out bereits in seinen Anfängen begegnen zu können, beziehungsweise sinnvoll in den fortgeschrittenen Burn-out Prozess einzugreifen.

Abschließen möchte ich diesen doch kurzen Abriss zu einem inzwischen weiten, weiten Thema mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, welches immer Bestand hat, so finde ich:

„Es ist nicht genug, zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss es auch tun!“

Das Buch von Gertrud Keller möchte ich euch abschließend ans Herz legen. Die Chronik eines angekündigten Burn- out. Die Schilderung einer Betroffenen. Ich habe es in einer Nacht gelesen und freue mich von Herzen, dass Frau Keller „live und wahrhaftig“ in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse 2014 anwesend sein wird mit ihrem Werk.

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